First Team, Verein / 23.12.2011

Matt Berning: Familien-Weihnacht statt New Yorker NFL-Derby

Mitten im Getümmel: Jets-Linebacker Matt Berning tackelt Eagles Runningback Stanley Havili (Foto: New York Jets)

Es ist die altbekannte Frage nach dem halbvollen oder halbleeren Glas: War das zu Ende gehende Jahr 2011 für Matthias Berning ein gutes Jahr oder nicht? Was für eine positive Betrachtung spricht: Der 25-Jährige hätte es beinahe geschafft, sich als zweiter Deutscher und als zweiter ehemaliger Spieler der Düsseldorf Panther nach Sebastian Vollmer von den New England Patriots in der National Football League der USA (NFL), der stärksten und kommerziell erfolgreichsten Sportliga der Welt, zu etablieren.

Was Matt, wie er im Land der – nicht nur sportlich – angeblich unbegrenzten Möglichkeiten kurz und knackig genannt wird, zum Blick zurück im Zorn verleiten könnte: Zum einen bestritt er zwar das Trainingscamp mit und bei den New York Jets und feierte im Preseason Game gegen die Philadelphia Eagles ein viel beachtetes Debüt, wurde aber vor dem Start der Saison aus dem 53er-Kader entlassen. Und auch in der Spielzeit reichte es für Berning nur für zwei Kurz-Verpflichtungen in der Practice Squad, dem Trainingsteam, der Jets. Was die Bilanz noch ärgerlicher macht: Weitere Fortschritte in seiner Karriere wurden nicht in erster Linie durch fehlende footballerische Klasse, sondern schlicht durch störende Bürokratie und andere nicht-sportliche Gründe behindert.

Keine Mini-Camps wegen Arbeitskampf
So durfte sich Matthias nicht, wie es sonst bei Profi-Neulingen in der NFL so üblich ist, im Frühjahr und Sommer in Mini-Caps der Teams in körperliche Bestform bringen. Wegen des Arbeitskampfs (Lockout) zwischen Teambesitzer und Spielergewerkschaft war jeglicher Kontakt bis Ende Juli verboten. „Das war eine superharte Zeit“, erinnert sich Berning daran, wie er vier Monate lang zweimal täglich alleine in seiner Wahlheimat Mount Pleasant trainieren musste.

Andererseits nutzte der Abwehrrecke, der erst nach einem Austauschjahr an einer High School mit 16 Jahren mit dem Football begonnen hatte, diese Zeit, um an der Central Michigan University, wo er vier Jahre lang für die Chippewas gespielt hatte, einen doppelten Studienabschluss zu ‚bauen‘. Den ‚Double Major‘ in Marketing und Logistics Management verbucht er  natürlich unter den Positiva des Jahres: „So habe ich auf jeden Fall einen soliden Background, eine handfeste Ausbildung für die Zukunft nach dem Sport.“

Zwei Wochen Formularkrieg
So sehr er die Zeit bei den Jets genossen hat, fuchste ihn doch, dass er nicht zwischenzeitlich den Avancen anderer Teams folgen konnte. Da die Behörden, die für ihn als Nicht-Amerikaner jeweils eine Arbeitserlaubnis ausstellen mussten, keine besondere Eile an den Tag legten, scheiterten nach seinem Rauswurf bei den Jets u.a. kurzfristige Engagements bei den Seattle Seahawks oder den Jacksonville Jaguars. „Die suchten halt jemanden, der ihnen sofort weiterhilft, und keinen, der erst nach zwei Wochen Formularkrieg zur Verfügung steht“, ärgert sich der Ex-Panther, der einst gleich seine erste Saison als (Jugend-) Spieler mit  den Düsseldorfer Rookies als deutscher Meister und ‚wertvollster Spieler‘ des Finales 2004 abgeschlossen hatte.

So kehrte Matt Mitte Dezember nach acht arbeitslosen Wochen in New York nach Deutschland zurück: Nach dem „Weihnachtsfest mit der Familie“ und seiner aus Troy im US-Bundestaat Michigan eingeflogenen Freundin Taylor möchte er bis März im Rheinland ein Praktikum in der Finanzdienstleistungsbranche absolvieren und dann noch einmal den Sprung in die NFL wagen: „Dann hoffentlich mit einer Green Card“, die ihm unbeschränkte Freiheit bei der Wahl des Arbeitsplatzes bringen würde. Kaum hier angekommen, erlebte Berning übrigens als ‚passenden‘ Jahresabschluss noch einmal den Regelungswahn der Bürokratie.

85.000 Football-Fans
Am vorigen Montag meldeten sich plötzlich die Jets, die ihn auf die Schnelle nach New York zurückholen wollten: Heiligabend steigt vor 85.000 Fans das Stadtderby der Jets gegen die Giants, in dem es für beide Teams noch um die Qualifikation für die zwei Wochen danach beginnenden Play-offs geht. Doch muss sich Matthias das Schlagerspiel mit einigen Freunden und ehemaligen Mitspielern auf dem heimischen Sofa anschauen. Nach einem Telefon- und Mail-Marathon wurde klar, dass aus seinem erhofften NFL-Debüt leider nichts wird: Arbeitserlaubnis und Einreisegenehmigung sind nicht mehr gültig.